Die letzten drei Tage waren mit die anstrengendsten meines Lebens!
Ich bin Mittwoch Abend in den Nachtzug von Hanoi nach Lao Cai im Norden Vietnams gestiegen. Die Fahrt dauerte 9 Stunden, dabei beträgt die Strecke nur etwa 350 Kilometer! Die Züge fahren hier eben eher langsam. Dafür sind sie laut und unbequem aber angeblich das reinste Vergnügen, verglichen mit den Bussen...
Lao Cai liegt direkt an der chinesischen Grenze, ich konnte also bis nach China sehen! Doch nicht Lao Cai war mein Ziel, sondern Sapa, ein kleiner Ort weiter oben in den Bergen. Man kommt am einfachsten mit einem Minibus vom Bahnhof in Lao Cai nach Sapa. Ich habe mir dann auch brav ein Ticket gekauft und sogar einen Platz in dem winzigen Sechzehnsitzer bekommen. Da die Betreiber natürlich kein Geld verlieren wollten, wurde dieser Kleinbus auch mit 16 Leuten voll gestopft zuzüglich dem Gepäck eben dieser sechzehn Reisenden. Der Bus war hoffnungslos überfüllt, man konnte kaum mehr atmen. Und er fuhr einfach nicht los, obwohl wirklich niemand mehr hinein passte. Doch dann wurde mir sehr schnell klar, warum wir noch an Ort und Stelle standen: Der Fahrer unseres Busses wurde von seinen Kollegen verprügelt, weil er wohl mehr Tickets verkauft hatte, als Plätze vorhanden waren...
Schließlich fuhren wir dann doch noch los und in letzter Sekunde sprang noch ein Passagier mit an Bord, der die fast zweistündige Fahrt im stehen, zwischen Tür und Sitzbank eingeklemmt verbrachte.
Sapa ist der kälteste Ort Vietnams und das konnte man auch spüren. Der Nebel war so dick, dass man nicht weiter als 30 Meter sehen konnte, es war feucht und kalt. Von dem Ort selbst konnte ich wegen eben dieses Nebels nicht viel sehen, auch nicht von der wunderschönen Landschaft in der Sapa liegt.
Im Zug hatte ich eine Gruppe amerikanischer Studenten getroffen, die mit einer organisierten Tour in Südostasien unterwegs sind. Ich habe mich gut mit ihnen verstanden und bin dann auch mit ihnen zusammen zu deren Hotel gegangen. Drei Leute dieser Gruppe hatten vor, Mt Fansipan zu besteigen. Dieser Berg ist der höchste in Vietnam und man braucht mindestens drei Tage um ihn von Sapa aus zu besteigen. Mir gefiel diese Idee gut und ich schloss mich ihnen an. Diese Tour sollte man nicht alleine ohne einen guten Führer machen, also buchten wir eine Tour mit dem Hotel. Diese beinhaltete einen Führer, Essen, Zelte, Schlafsäcke sowie einen Träger.
Am nächsten Morgen ging es los, wir fuhren zuerst mit einem herrlichen russischen Jeep eine Weile durch den Nebel bevor wir vor einem matschigen Abhang ausstiegen. Die Sicht betrug noch immer nur wenige Meter und der Boden war extrem rutschig, die Schuhe waren nach wenigen Schritten voll mit rotem Lehm. Bevor wir den Anstieg auf Mt Fansipan beginnen konnten, mussten wir erst in ein etwa 200 Meter tiefes Tal hinunter steigen. Unten angekommen, durchquerten wir ein Dorf der Hmong, einem Stamm von Ureinwohnern, die hier in den Bergen leben.
Nachdem wir eine Brücke überquert hatten, die nur aus zusammengebundenen Bambusstöcken besteht, fing der Anstieg an.
Um es gleich im Voraus zu sagen, man braucht keine Kletterausrüstung, um Mt. Fansipan zu besteigen, nur gute Schuhe und Durchhaltevermögen.
Doch so etwas wie diesen Anstieg habe ich noch nie gemacht. Es ging 6 Stunden lang bergauf mit unseren schweren Rucksäcken auf dem Rücken. Aber nicht einfach nur bergauf, es war zum größten Teil wie Leitersteigen! In diesen sechs Stunden stiegen wir von etwa 1400m auf 2500m auf und dann wieder auf ca. 2000m hinunter, wo wir unser Camp haben würden. Über matschige Pfade, fast immer durch dichten Dschungel ging es aufwärts. Leider konnten wir immer noch nichts sehen, da sicher der Nebel nicht das kleinste Bisschen lichtete.
Der Schweiß floss mir in Strömen herunter, innerhalb einer halben Stunde waren meine Klamotten völlig durchgeschwitzt. Der Rucksack schien mit jedem Schritt schwerer zu werden, das Zelt das ich zu tragen hatte zerrte mich regelrecht nach hinten.
Irgendwann, nach Stunden höchster Anstrengung kamen wir dann endlich in unserem Camp an. Das Camp bestand aus einer matschigen Lichtung im Dschungel mit einer überdachten Feuerstelle und Müll überall. Der ganze Platz war eine einzige Müllkippe: Plastikflaschen, Dosen, Essensreste. So ganz haben die hier den Dreh mit dem Umweltschutz wohl noch nicht raus. Außerdem war es natürlich kein schöner Anblick.
Das war mir aber in dem Moment völlig egal, alles was ich wollte war etwas zu Essen und einen Platz zum Schlafen! Die Schwierigkeit jetzt war aber die, mit klitschnassem Holz ein Feuer zu machen. Unsere Guide zeigte uns wie man das hier macht: Speiseöl, Klopapier, eine halbe Kerze, eine Plastiktüte und etwas Benzin ergaben die Mischung, die es tatsächlich schaffte, das Feuer zu entzünden!
Wir saßen dann alle mit nassen Füßen und Kleidern um das kleine Feuer herum und versuchten uns etwas aufzuwärmen. Leider gab es da kaum eine Chance...
Unsere Guides waren zwei herrliche Charaktere. Beide waren Anfang 20 und sprachen sehr gutes Englisch. Leider habe ich ihre Namen schon wieder vergessen! Auf jeden Fall verstanden wir uns sehr gut, was der ganzen Aktion noch eins oben drauf setzte.
Nach einer gar nicht mal so kalten Nacht (vier Männer in einem kleinen Zelt produzieren wohl so einiges an Hitze...) ging es am nächsten Morgen Richtung Gipfel. Leider mussten wir etwa 150 Meter absteigen, bevor wir mit dem eigentlichen Aufstieg beginnen konnten. Wir hatten also von etwa 1900m auf 3143m aufzusteigen. Der Schwierigkeitsgrad erhöhte sich im Vergleich zum Vortag beträchtlich. Es ging am Anfang fast senkrecht den Berg hinauf. An Wurzeln und Ästen mussten wir uns hochziehen. Wir hatten, ohne auf unseren Führer zu hören, einen Rucksack mitgenommen, in dem wir extra Wasser und Pullover verstaut hatten. Nach 15 Minuten gab ich auf, wir ließen den Rucksack zurück. Es war einfach nicht zu schaffen, das zusätzliche Gewicht des Rucksacks war zu viel!
Jetzt ging es drei Stunden lang konstant bergauf; meistens sehr steil durch den Dschungel, später dann etwas flacher aber nicht weniger anstrengend durch tiefen Schlamm durch Bambusfelder. Gegen Ende hatte keiner von uns die Kraft mehr auch nur noch zu fluchen, weil man schon wieder ausgerutscht und in den Dreck gefallen war. Es war unbeschreiblich anstrengend.
Irgendwann gegen Mittag wollten wir nur noch Pause machen, da sagte unser Führer leicht hin, er würde vorschlagen, doch auf der Spitze zu pausieren, es seien nur noch 15 Minuten bis dorthin. Das weckte in mir neue Lebensgeister und ich schaffte es tatsächlich bis auf die Spitze!!
Ein unglaubliches Glücksgefühl überkam mich beim Anblick der paar Felsen, die den Gipfel von Mt Fansipan markieren. Das einzig wirkliche Ärgerliche war die Tatsache, dass die Sicht noch immer nur wenige Meter betrug! Da steigt man unter größten Anstrengungen auf den höchsten Berg Vietnams und sieht - nichts...
Tja, man kann eben nicht alles haben. Der Abstieg war nicht weniger anstrengend, da eben alles sehr steil und rutschig war. Freundlicherweise zeigte unser Guide uns jetzt auch noch die Stelle, wo Anfang August eine junge Engländerin abgestürzt und tödlich verunglück ist! (Wen es interessiert, hier der Artikel dazu in Englisch) Dies ist bei der Art von Pfaden allerdings nicht weiter verwunderlich. Teilweise ging es bedenklich steil rechts und links hinunter...
Wir schafften es aber sicher wieder zu unserem Camp zurück zu kommen. Nach einem ausgiebigen Abendessen ging es dann recht bald wieder ins Zelt. Der Abstieg am nächsten Morgen war, wie schon der Abstieg vom Gipfel, fast genau so anstrengend wie der Anstieg. Mir tun meine Knie und Oberschenkel im Moment noch ziemlich weh davon. Immerhin lichtete sich der Nebel jetzt etwas, so dass wir ein paar wunderschöne Ausblicke hatten.
Fünf Stunden nachdem wir vom Camp aufgebrochen waren, erreichten wir die Straße, wo uns dann auch irgendwann der Jeep abholte.
Alles in Allem war es eine wunderbare Erfahrung gewesen. Ich mich noch nie in meinem Leben so angestrengt, bin so an meine körperlichen Grenzen gekommen. Teilweise war das sicher unsere eigene Schuld, unser Guide hat uns gesagt, dass man normalerweise nicht schneller auf Mt Fansipan steigen kann, als wir es gemacht haben!
Wir ließen unser Abenteuer noch mit einem gemeinsamen Bier mit unseren Guides ausklingen. Danach fuhr ich mit dem Bus zurück nach Lao Cai und dann mit dem Nachtzug nach Hanoi, wo ich mich im Moment befinde. Heute Abend geht es dann mit dem Bus weiter nach Hue, fast 700 Kilometer südlich von hier.