Der letzte Zug in Kambodscha

Freitag hatten wir unseren letzten Tag im CSC. Kaum zu glauben, wie schnell unsere Zeit hier verflogen ist. Man hat gerade so das Gefühl, dass man sich etwas auskennt, dass man sich wohl fühlt und schon ist es wieder Zeit zu gehen.
Da am Freitag ohne hin nicht sehr viel los war, konnten wir etwas früher gehen. Wir verabschiedeten uns von allen und fuhren zum Guesthouse um unsere Sachen zu packen. Am Abend trafen wir uns mit den anderen Studenten in deren Wohnung für ein leckeres Abschiedsessen und ein paar Biere. Nicht zu spät fuhren wir zurück zum Guesthouse, schließlich mussten wir am nächsten Morgen um 5 Uhr aufstehen.
Mit dem Tuktuk ging es um halb sechs zum Bahnhof. Unsere von Hand ausgestellten Tickets kosteten uns 22000 Riel (etwa €4) pro Nase, etwa das Doppelte, was die Einheimischen bezahlen.
Bequemer war der Zug deswegen nicht, aber das war ja auch nicht das Ziel der Aktion. Ich wollte von Anfang diesen Zug nehmen, egal in welche Richtung. Da er nur noch einmal pro Woche fährt (Samstags von Phnom Penh nach Battambang, Sonntag zurück) blieb uns nur der Samstag Morgen.
Der Zug ist alt und kaputt. Sehr kaputt. Die drei Passagierwaggons sind rostig und löchrig. Der hölzerne Boden hat viele Lücken, oft fehlen Bretter und man kann direkt bis auf die Schienen sehen. Die Sitze sind aus Holz und relativ unbequem. Viele Sitzbänke sind umgefallen und liegen einfach im Abteil herum. Die Fenster haben keine Scheiben, das Dach hat Löcher. Der Übergang von einem Wagen zum nächsten muss mit einem schnellen, beherzten Schritt gemacht werden, es gibt nur die Puffer, auf die man sich stellen könnte. Aber dies alles war uns vorher klar, wir haben keine besonders bequeme, dafür eine interessante und spannende Reise erwartet.
Irgendwann fährt der Zug los, vielleicht mit Schrittgeschwindigkeit fahren wir durch die Vororte von Phnom Penh. Unzählige ärmliche Hütten sind direkt an den Gleisen gebaut. Man kann den Menschen quasi direkt ins Wohnzimmer oder die Küche schauen. Um kurz vor sieben sind Alle schon wach, es wird Frühstück gekocht oder sich im Freien gewaschen.
Nach einer Weile ändert sich die Landschaft, wir haben Phnom Penh verlassen und mit einem Schlag erstrecken sich abgeerntete, trockene Reisfelder bis zum Horizont. Dazwischen immer wieder hohe Palmen und viele, viele Kühe.
Der Zug rumpelt mit vielleicht 20 km/h durch die Landschaft und schaukelt dabei fast wie ein kleines Boot hin und her. Nach einer Weile gewöhnt man sich an die Langsamkeit und das viele Knirschen und Knacken des Zuges. Die Kambodschaner kennen ihren Zug und die meisten von ihnen haben Hängematten mitgebracht, die sie an den verbleibenden Gepäckablagen festbinden. Es fahren in unserem Abteil die vier Schaffner und ein bewaffneter Polizist mit. Wozu man vier Schaffner in so einem kleinen Zug braucht erschließt sich mir nicht. Aber wahrscheinlich sind das die einzigen Schaffner in diesem Land und da es nur einen Zug pro Woche gibt, arbeiten eben alle in diesem Zug. Die meiste Zeit sitzen sie aber einfach nur da und spielen Karten.
Die Toiletten sind schon lange Vergangenheit, geblieben sind zerbrochenes Porzellan und ein fehlendes Fenster. Kein Problem für den männlichen Teil der Fahrgäste, man geht einfach im letzten Wagen zum rechten Ausgang und erledigt sein Geschäft durch die Tür ins Freie. Für die Frauen und für diejenigen, die befürchten bei dem Geruckel und Gewackel aus dem Zug zu fallen gibt es nur eine Möglichkeit: Wenig trinken und hoffen, dass der Tag schnell zu Ende geht.
Irgendwann gegen Mittag fängt es an zu regnen. Zuerst ein angenehmer Landregen, doch bald gießt es so vom Himmel, dass man nicht mehr weit sehen kann. Da es ja, wie schon erwähnt, keine Fensterscheiben gibt und auch das Dach nicht mehr dicht ist, bleiben nur wenige Flecken im inneren der Wagen um dem Wasser zu entgehen. Die Zugfahrt fängt an weniger Spaß zu machen. Wir sind jetzt schon gut acht Stunden unterwegs und haben vielleicht etwas mehr als die Hälfte der Strecke hinter uns. Einer der Schaffner fragt uns, wohin wir wollen. Auf die Antwort “Battambang” zieht er die Augenbrauen hoch und erklärt uns, dass dies eine sehr lange Reise sei. Manchmal, so sagt er, komme der Zug erst um 2 Uhr am nächsten Morgen an! Ich kann das nicht so recht glauben, in Pursat sollen wir so gegen 15 Uhr ankommen, das sind vielleicht zwei Drittel der Strecke. Auf dem letzten Drittel der Strecke seien die Gleise aber derartig schlecht, dass es im langsamen Schritttempo weiter ginge und der Zug oft stehen bleiben müsste, weil die die Hitze die Gleise verbogen hat, erzählt der Schaffner.
Nach einigem Nachdenken, beschließen wir, den Zug in Pursat zu verlassen. Neun Stunde Fahrt sind genug, um mein Bedürfnis nach kambodschanischen Zügen zu befriedigen. In Pursat buchen wir zwei Plätze in einem Taxi und sind 90 Minuten später in Battambang, etwa acht Stunden vor dem Zug.

5:51 UhrBeoung KakPassagierwagonHüttenBlick nach hintenSchlafwagenBlick nach vornePassagiereOffener WagenTrainspottingBambuszugTrockene FelderHängematteBeschäftigungSilvioSilvioRegenNasse FelderDie StreckeLandlebenÜbergangAnkunft in PursatDer Zug